An einem Samstagnachmittag vor einigen Jahren erhielt Mira aus China einen Anruf. Die heimliche Bibeldruckaktion ihres Mannes war entdeckt worden. Leo wurde verhaftet. Der Vorwurf: Er sei mitverantwortlich für den Druck Tausender nicht registrierter Bibeln, die an Christen in China verteilt werden sollten.
Mit dieser Schwierigkeit hatten Mira und Leo gerechnet. In China ist der Besitz einer Bibel grundsätzlich nicht verboten, doch der Druck, der Kauf, der Verkauf und die Verbreitung von Bibeln unterliegen strengen Vorschriften und Beschränkungen. Einigen Quellen zufolge können Bibeln nur in Buchhandlungen erworben werden, die direkt mit den staatlich anerkannten und registrierten Kirchen verbunden sind, die als „Drei-Selbst-Bewegung“ bekannt sind. Dies stellt eine Herausforderung für Christen dar, die nicht möchten, dass ihre Kaufdaten bei staatlich verbundenen Buchhandlungen erfasst werden. Zudem ist die Bibel nicht mehr online erhältlich, und Bibel-Apps sowie Websites, die einst leicht zugänglich waren, sind nun gesperrt.
Zeit voller Sorgen und Ungewissheit
Leo wurde in ein Gefängnis gebracht und war damit abgeschnitten von der Außenwelt, ohne jeglichen Kontakt zu seiner Familie. Er wusste nicht einmal, ob seine Frau über seine Verhaftung informiert worden war.
Direkt nachdem Mira den Anruf erhalten hatte, begann sie nach ihrem Mann zu suchen. Sie rief bei jeder Polizeistation an – vergeblich. Niemand gab ihr Auskunft. Schließlich wandte sie sich an einen Rechtsanwalt, der sie bei der Suche unterstützte. Drei Tage später konnte der Anwalt herausfinden, wo Leo inhaftiert worden war.
Als Leo am Samstagabend nicht nach Hause kam, fragten die beiden kleinen Kinder nach ihrem Vater. „Unser Herr hat eurem Vater eine große Aufgabe aufgetragen“, erklärte Mira ihnen. „Wenn er sie erfüllt hat, kommt er wieder heim.“ So beteten sie jeden Tag gemeinsam, dass Leo seine Arbeit erfüllen und bald zurückkehren dürfte.
„Unser Herr hat eurem Vater eine große Aufgabe aufgetragen. Wenn er sie erfüllt hat, kommt er wieder heim.“
Verhaftet und isoliert
Leo wurde schuldig gesprochen und zu drei Jahren Haft verurteilt. „Ich machte mir viele Gedanken über meine Zukunft“, sagt Leo.
Doch je mehr er betete, desto stärker erfüllte Gott sein Herz mit Frieden und Zuversicht. „Ich wusste zwar nicht, wie Gott mich in Zukunft gebrauchen wollte, aber ich war sicher, dass er mich beschützen und wieder aus dem Gefängnis führen würde.“
Auch Mira lernte in dieser Zeit, ihre Sorgen im Gebet bei Jesus abzulegen. „Am Anfang hatte ich sehr mit der Situation zu kämpfen. Aber mit der Zeit durfte ich lernen: Gott hat alles unter Kontrolle. Ich sollte meinen Aufgaben nachgehen, mich um den Haushalt und unsere Kinder kümmern“, erinnert sich Mira. Während dieser Zeit betete die Gemeinde treu für Mira und Leo. Um die anderen Christen nicht zu gefährden, zog sich Mira bewusst aus dem Gemeindeleben zurück. „Ich blieb zu Hause und ging nicht mehr in die Gemeinde. Ich hatte Angst, die anderen Gemeindemitglieder in Schwierigkeiten zu bringen“, so Mira.
Hoffnung trotz Verfolgung
Während des Verfahrens wurde Leos Haftstrafe völlig überraschend von drei Jahren auf zehn Monate verkürzt. „Als ich den Bescheid über die Strafverkürzung erhielt, erzählte ich unseren Kindern, dass ihr Vater seinen Auftrag erfolgreich beendet habe und bald wieder nach Hause komme“, erinnert sich Mira.
Die Kinder warteten sehnsüchtig auf ihren Vater und zählten die Tage, bis sie ihn wiedersehen würden. Die Gemeinde wurde durch dieses Ereignis ermutigt, mehr dem Herrn zu vertrauen, als sich von Angst bestimmen zu lassen. „Vertraut dem Herrn, auch in schwierigen Zeiten“, sagte Mira ihrer Gemeinde. „Gott wird uns nicht im Stich lassen. Wir können nichts anderes tun, als ihm zu vertrauen und unseren Weg mit ihm weiterzugehen.“
Im Visier der Behörde
Nach zehn Monaten wurde Leo freigelassen. Doch die Behörden behielten ihn weiterhin im Auge. Sein Dienst stand unter Beobachtung und war mit zahlreichen Einschränkungen verbunden. Aber Miras Glauben war durch diese Erfahrung gewachsen. Sie ließ sich nicht einschüchtern – im Gegenteil. Heute setzt sie sich mehr denn je dafür ein, dass Christen in China eine eigene Bibel erhalten. Gemeinsam mit verschiedenen Gemeindeleitern und Pastoren ermittelt sie, welche Glaubensgeschwister noch keine Bibel besitzen.
„Es gibt einen großen Bedarf an gedruckten Bibeln in China. Wenn Glaubensgeschwister ihre eigene Bibel erhalten, sind sie überglücklich und sehr dankbar. Sie fühlen sich von Gott und seiner Gemeinde gesehen und geliebt“, sagt Mira. „Das Lesen in ihrer eigenen Bibel schenkt ihnen neuen Mut, dem Herrn treu zu bleiben.“
Mit Blick auf Leos Verhaftung sagt sie: „Der Lohn war größer als der Preis. Was wir erlebt haben, ist nichts Außergewöhnliches. Verfolgung gehört zur Nachfolge Jesu dazu. Es ist wichtig, eine eigene Bibel zu besitzen und im Glauben zu wachsen. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen in den Besitz ihrer eigenen Bibel kommen“.
Gottes Wort ist Quelle der Hoffnung und Kraft für Mira. Es erinnert sie an Philipper 1,20–22: „wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn. Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen; und so weiß ich nicht, was ich wählen soll.“
Auch ihr Gebet für ihre Gemeinde orientiert sich an Philipper 3,12: „Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin“. Während Leo im Gefängnis war, betete sie immer wieder: „Herr, hilf du ihm, den Auftrag, den du ihm gegeben hast, treu zu erfüllen – und bring ihn danach wieder nach Hause“.
Bitte beten Sie,
dass Christen in China – wie Mira und Leo – mutig am Herrn festhalten, ihm treu dienen und sich durch Verfolgung nicht einschüchtern lassen.