Jameel Masih stand vor seinem Haus, als es zu einem belanglosen Streit mit seinem muslimischen Nachbarn kam. Was zunächst nur wie eine kleine Auseinandersetzung wirkte, entwickelte sich schnell zu einer ernsten Angelegenheit, weil der Nachbar über erheblichen Einfluss auf die Polizei verfügte.
Nur wenige Stunden später erschienen Polizisten vor Jameels Haustür. Ohne einen nachvollziehbaren Grund nahmen sie ihn mit auf die Polizeistation. Dort wurden ihm insgesamt 56 verschiedene Straftaten zur Last gelegt, die er nie begangen hatte. Nach Einschätzung seiner Verteidiger war das Ziel offensichtlich: Jameel sollte durch die Vielzahl der Anschuldigungen hinter Gitter gebracht werden.
Misshandlungen während der Haft
Während seiner Inhaftierung wurde Jameel in einer Folterzelle schwer misshandelt. Die Beamten zwangen ihn wiederholt, Straftaten zu gestehen, die er nicht begangen hatte. Tag für Tag musste er körperliche Schmerzen und Demütigung ertragen. Zudem hatte er weder Zugang zu einem Anwalt noch die Möglichkeit, seine Familie zu sehen. Verzweifelt wandte sich seine Familie an die Anwältin und HMK-Partnerin Aneeqa Maria und ihr Team von Anwälten. Einige der Anwälte besuchten Jameel im Gefängnis, dokumentierten seine Verletzungen und bereiteten eine umfassende Verteidigung vor.
Erfolg vor Gericht
Schließlich gelang es den Anwälten, den Richter davon zu überzeugen, dass Jameel Opfer einer religiösen Verfolgung sowie einer gezielten Kampagne von Polizei und einflussreichen Personen geworden war. Noch während der Verhandlungen wurden 38 der insgesamt 56 Verfahren gegen Jameel eingestellt. Für die übrigen Verfahren wurde er gegen Kaution freigelassen.
Sein Fall gilt für die HMK-Projektpartnerin Aneeqa Maria als eindringliches Beispiel dafür, wie einflussreiche Personen in Pakistan staatliche Institutionen missbrauchen können, um Angehörige religiöser Minderheiten wie Christen zu verfolgen. Gleichzeitig zeigt er die Bedeutung unabhängiger Gerichte sowie die entscheidende Rolle christlicher Rechtsanwälte. „Jameel gehört zu den wenigen Betroffenen, deren Fall ernsthaft und ohne Vorurteile geprüft wurde. Viele andere Christen, die unschuldig inhaftiert werden, haben diese Möglichkeit nicht. Zahlreiche Christen befinden sich weiterhin in Haft, ohne, dass jemand ihre Anliegen anhört oder sich für ihre Rechte einsetzt“, so Aneeqa Maria.
„Zahlreiche Christen befinden sich weiterhin in Haft, ohne, dass jemand ihre Anliegen anhört oder sich für ihre Rechte einsetzt.“
Christen unter Druck
Jameel ist nicht der einzige Christ, dem solches Unrecht passiert ist. Unter den fast 240 Millionen Menschen im mehrheitlich islamischen Pakistan gibt es immerhin rund 4 Millionen Christen. Immer wieder werden diese unter Druck gesetzt, zum Islam zu konvertieren, oder sie werden der „Blasphemie“ beschuldigt. Es genügt dafür meist schon die Anzeige durch einen böswilligen Nachbarn oder Facebook-Posts, die so ausgelegt werden, dass man damit Christen belasten kann. Auf „Blasphemie“ steht in Pakistan die Todesstrafe. In den allermeisten Fällen wird diese Strafe nicht verhängt, aber angeklagte Christen müssen oft jahrelang im Gefängnis auf ihre Prozesse warten. Aneeqa Maria und ihr Team treten an verschiedenen Orten in der Region Punjab für angeklagte Christen ein.
Zwangsislamisierung gescheitert
Zu den Menschen, die von diesem Einsatz profitieren, gehört auch Waqas Masih. Zum Zeitpunkt des Vorfalls war er 21 Jahre alt. Seine Familie lebt in einer kleinen christlichen Siedlung, die lediglich 20 bis 22 christliche Familien umfasst. Als ältester Sohn der Familie war Waqas angehalten, seine Eltern finanziell zu unterstützen und seinen jüngeren Geschwistern den Schulbesuch zu ermöglichen. Er arbeitete in einer Papierfabrik, die einem Muslim gehörte und in der sowohl Christen als auch Muslime beschäftigt waren. Einer seiner Kollegen, Zohaib, begann, ihn unter Druck zu setzten, seinen Glauben an Jesus aufzugeben und zum Islam zu konvertieren. Waqas lehnte dies wiederholt ab, sprach jedoch mit niemandem darüber, da er keinen Streit verursachen und seinen Arbeitsplatz nicht gefährden wollte.
Ein brutaler Angriff
Am 21. März eskalierte die Situation. Zohaib griff Waqas mit einem Messer an und verletzte ihn schwer am Hals. Waqas brach zusammen und verlor große Mengen an Blut. Sein Arbeitgeber reagierte sofort und brachte ihn in ein Krankenhaus, wo er notoperiert werden musste. Waqas überlebte den Angriff, leidet jedoch bis heute unter dessen Folgen. Aufgrund seiner Verletzungen und des erlittenen Traumas ist er nur eingeschränkt in der Lage zu sprechen. Sein Angreifer Zohaib wurde wegen versuchten Mordes festgenommen und befindet sich in Untersuchungshaft. Am 23. März 2025 besuchte ein Team von Aneeqa Maria Waqas im Krankenhaus. Die Familie war zutiefst erschüttert über den Angriff — nicht nur wegen der Brutalität des Angriffs, sondern auch wegen des wochenlangen religiösen Drucks, der ihm vorausgegangen war.
Ein Brunnen der Hoffnung
Aneeqa Maria und ihr Team arbeiten daran sicherzustellen, dass die Staatsanwaltschaft den Fall umfassend verfolgt und dabei auch die religiöse Motivation hinter dem Angriff berücksichtigt. Darüber hinaus organisiert das Team medizinische Dokumentationen und sammelt Zeugenaussagen, um die Beweisführung vor Gericht zu stärken und eine Verurteilung des Angeklagten zu ermöglichen. Dabei betonen die Anwälte, dass man an der Seite von Waqas und seiner Familie stehen werde, bis der Fall abgeschlossen sei. Ziel ist es, Gerechtigkeit zu erreichen und sicherzustellen, dass niemand aufgrund seiner Weigerung, seinen Glauben aufzugeben, erneut Opfer eines solchen Angriffs wird.
Die Geschichten von Jameel Masih und Waqas Masih verdeutlichen die Benachteiligung religiöser Minderheiten in Pakistan. Zugleich zeigen sie, wie wichtig rechtliche Unterstützung und unabhängige Gerichte für den Schutz von Menschenrechten und Religionsfreiheit sind. Für die Familien von Jameel und Waqas bleibt die Hoffnung, dass die Gerichte die Fälle fair beurteilen und dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.
Bitte beten Sie
für die Christen in Pakistan, dass Gott, der ein gerechter Richter und Rechtsanwalt ist, ihre Sache gerecht hinausführt.