Es war nur eine Woche nach Ostern im Jahr 2019. Der Sonntagmorgen des 28. April begann wie der Sonntag davor. Die Sonne war bereits aufgegangen, und die Menschen saßen schon in der Kirche, um die frohe Botschaft zu hören: Jesus Christus hat mit seinem Tod und seiner Auferstehung den Tod und den Teufel besiegt. Auch Pastor Natan und seine Frau waren unter den Gemeindemitgliedern – ohne zu ahnen, dass dieser Tag ihr Leben für immer verändern würde.
Plötzlich hörten sie ein Geräusch, das ihnen das Blut in den Adern erstarren ließ. Es waren Schüsse. Laut. Nah. Unmissverständlich. „Man weiß, dass sie da sind, wenn man die Schießgeräusche deutlich hören kann“, sagt Miriam. „Wenn sie kommen, ist kein Ort mehr sicher.“
2019 hatten islamistische Gruppen ihre Angriffe auf Christen in Burkina Faso massiv ausgeweitet. Das westafrikanische Land, das an zwei Staaten der Sahara grenzt, versank zunehmend im Chaos. Die Extremisten wollten einen islamischen Staat errichten. Dafür waren sie bereit, alles zu zerstören. Seit Beginn der Gewalt wurden Tausende Menschen ermordet. Fast zwei Millionen Menschen mussten fliehen, ganze Regionen wurden entvölkert. Christen lebten in ständiger Angst. In dieser Zeit kamen die Islamisten meist in Konvois aus Motorrädern. Sie waren schwer bewaffnet und schossen oft wahllos in die Luft. Das war Teil ihrer Strategie, um eine Atmosphäre von Panik und Schrecken unter den Christen zu verbreiten.
Manchmal zwangen sie Pastoren, islamischen Predigten zuzuhören. Dann forderten sie sie auf, nicht mehr über Jesus zu sprechen. Immer wieder kam es zu Entführungen und immer öfter zu Enthauptungen von Pastoren. In den Monaten vor dem Angriff auf Natans Kirche waren vier Pastoren ermordet worden. Alle lebten in der Nähe seiner Gemeinde. Die Nachrichten davon verbreiteten sich schnell. Kurz vor diesem Sonntag hatten die Extremisten zwei Dorfbewohner vor den Augen ihrer Dorfgemeinde umgebracht. Als die bewaffneten Islamisten an diesem Sonntagmorgen die Kirche von Pastor Natan umstellten, war den Anwesenden sofort klar: Sie waren in großer Gefahr.
Eingeschlossen mit der Angst
Die Situation eskalierte schnell. Die Terroristen begannen, Fenster und Türen zu schließen. Niemand konnte mehr hinaus. Die Kirche wurde zur Falle. Miriams Gedanken überschlugen sich. Schreckliche Bilder von Gewalt, Tod und Leid schossen ihr durch den Kopf. „Gott, rette unser Leben“, murmelte sie leise vor sich hin. „Wir wollen nicht sterben.“ Eingeschlossen von den Terroristen suchte sie verzweifelt nach einem Ausweg. „Ich schaute nach Fenstern, nach Türen“, erzählte sie später. „Ich wusste nicht, was ich tun sollte.“
Dann schrien die Extremisten in die Kirche: „Was macht ihr hier?“ Pastor Natan trat nach vorn. „Wir sind hier, um Gott anzubeten“, sagte er. „So wie Christen es überall auf der Welt am Sonntag tun.“ Die Antwort machte die Islamisten wütend. „Warum sitzen Männer und Frauen zusammen?
Das wollen wir nicht!“, schrien sie. Dann folgte die Drohung: „In drei Tagen kommen wir zurück“, sagten sie. „Wenn wir euch dann sehen, töten wir euch alle.“ Danach verschwanden sie so schnell, wie sie gekommen waren. Zurück blieben Angst und Verzweiflung unter den Gemeindebesuchern.
„Was macht ihr hier?“ Pastor Natan trat nach vorn. „Wir sind hier, um Gott anzubeten, so wie Christen es überall auf der Welt am Sonntag tun.“
Flucht ohne Ziel
Noch am selben Tag verließen viele Gemeindemitglieder das Dorf. Sie hatten Angst um ihr Leben. Pastor Natan versuchte, sie daran zu hindern. Doch die Furcht war stärker. Auch Miriam konnte die Angst nicht abschütteln. „Ich konnte in dieser Nacht nicht schlafen“, sagt sie. Auf ihr Drängen hin traf auch die Familie eine schwere Entscheidung. Natan, Miriam und ihre fünf Kinder packten das Nötigste zusammen. Sie luden ihre Habseligkeiten auf einen Eselskarren und flohen, bevor die Terroristen zurückkamen. Sie wussten nicht, wohin sie gehen würden. Und auch nicht, wie sie überleben sollten. Doch sie vertrauten Gott. „In schwierigen Zeiten ist die Bibel unsere Kraft- quelle. Sie tröstet uns und gibt uns Hoffnung“, sagt Natan. Besonders die Schriften des Neuen Testaments halfen ihnen zu verstehen, dass Verfolgung ein Bestandteil des christlichen Glaubens ist. „Wir lasen in der Apostelgeschichte, wie die ersten Christen verfolgt wurden“, erklärt er. „Erst dann verstanden wir, was Leiden wirklich bedeutet. Wenn du leidest, halte an deinem Glauben fest. Geh nicht zurück. Geh vorwärts“, sagt er.
Ein Neuanfang im Nichts
Ihre Gemeinde zerstreute sich im ganzen Land. Und auch Natan und seine Familie standen vor dem Nichts. Doch sie gaben nicht auf. Sie entschieden sich, eine neue Gemeinde zu gründen – an einem Ort, an dem es bisher keine gab. Etwa zwei Stunden nordöstlich von der Hauptstadt Ouagadougou bauten sie ein einfaches Kirchengebäude auf trockenem Land. Der Anfang war hart. Sie hatten keinen Besitz und auch kaum Einkommen. „Am Anfang waren wir nur meine Familie und eine weitere Person“, sagt Natan. Heute zählt die Gemeinde etwa 30 Mitglieder. Miriam betet vor allem für den Dienst und für die Gesundheit ihrer sechs Kinder, zwischen 18 Monaten und 16 Jahren. „Wenn wir gesund sind, können wir für Gott arbeiten“, sagt sie. Durch die Unterstützung von Christen weltweit erhielten sie Hühner und konnten an einer Schulung für Hühnerzucht teilnehmen. Die Hühnerzucht sichert heute das Überleben der Familie. „Wir können den Armen helfen“, sagt Natan. „Wir sind hier, um weiterzumachen.“ Doch auch an ihrem neuen Wohnort sind sie nicht wirklich in Sicherheit: Die Islamisten treiben ihr Unwesen im ganzen Land. Trotz aller Gefahr sagt Natan: „Durch Gottes Gnade gehen wir weiter.“
Getröstet, um andere zu trösten
Auch Yacouba schaut hoffnungsvoll vorwärts, obwohl er mehrere islamistische Angriffe erlebt hat. Lange wusste er nicht, dass er emotionale Wunden mit sich herumschleppte, bis er bei sich selbst bemerkte, dass sich sein Verhalten verändert hatte. „Nach den Angriffen war ich nicht mehr derselbe“, sagt er. „Ich war oft nervös und sprach manchmal mit mir selbst.“
Yacouba wollte nicht mehr unter die Leute. Oft blieb er im Haus. Schlafen war kaum möglich. Auch seine Frau litt unter dem Trauma der islamistischen Angriffe. Sie hatte ständige Kopfschmerzen, war schnell gereizt und verlor den Appetit. „Sie war so dünnhäutig geworden, dass sie oft sehr wütend wurde. Ich merkte, sie hatte sich verändert. Sie war aggressiv geworden. Das war sie vorher nicht gewesen“, sagt Yacouba. Bei einem Angriff wurde ein Ältester seiner Kirche ermordet. Der Pastor wurde entführt. Tage später fand man seine sterblichen Überreste.
Bei einem weiteren Angriff wurden über 100 Menschen getötet. Später drangen zwei junge Extremisten in Yacoubas Haus ein. Sie hielten ihn und zwei seiner Kinder fest. Yacouba rechnete mit dem Tod. Doch als sein Baby schrie, ließen sie sie los und machten sich aus dem Staub. Das rettete ihnen das Leben.
Der Weg zur Wiederherstellung
Weil Yacouba nicht mehr mit dem Leben zurechtkam, nahm er an einem Seminar über innere Heilung teil. Dort erkannte er: Er war traumatisiert. „Doch eine Lektion veränderte alles. Es ging um Vergebung. Das war sehr schwer für mich“, sagt er.
Er verstand: Gottes Vergebung für seine Sünden muss weitergegeben werden an alldiejenigen, die ihn verletzt haben. „Ich konnte endlich loslassen“, sagt er. Bevor er den Islamisten vergab, vergab er zuerst seiner Mutter. Yacoubas Mutter ist Muslima und hatte ihn wegen seines Glaubens an Jesus verstoßen. Später fand sie aber selbst zum Glauben an Jesus.
Gestärkt durch das Seminar begann Yacouba, auch anderen Menschen zu helfen. „Viele Menschen sind traumatisiert und wissen es nicht. Gott möge mir Empathie und Kraft geben, ihnen zu helfen“, sagt er.
Bitte beten Sie
für Pastor Natan und seine Frau Miriam sowie Yakouba, dass sie vor weiteren Attacken bewahrt bleiben, anderen verfolgten Christen helfen und Menschen in Burkina Faso die Hoffnung durch Jesus bringen können.